Karim schleicht nicht mehr

Der oft verkannte Karim Benzema hat sich zum unverzichtbaren Stürmer bei Real Madrid entwickelt. In den Clásico mit dem FC Barcelona geht er am Abend gleichauf mit Superstar Lionel Messi.

Karim Benzema rannte über den halben Platz und schlug sich euphorisch auf die Brust. Wie es so ist, wenn einer in der 95. Minute ein wichtiges Tor schießt, denn das war es gewiss: Real Madrid kommt dank des späten 1:1-Ausgleichs am Sonntag in Valencia heute punktgleich zum Spiel der Spiele beim FC Barcelona am heutigen Abend. Dennoch war es eine besonders bemerkenswerte Szene: Benzema hat in seinen gut zehn Jahren beim königlichen Verein schon so manch wichtiges Tor geschossen. Aber noch nie so exzessiv über eines gejubelt.

Benzema, das war lange die “Katze”, wie ihn Ex-Klubtrainer José Mourinho getauft hatte. Ein eleganter Spieler, aber eben auch ein unergründlicher. Und einer, der sich eher wegschlich, wenn es wüst wurde. Der Spitzname, offen despektierlich gemeint, hing dem Mittelstürmer an, zumal dem adrenalinverliebten Real-Publikum an ihm irgendwie das Testosteron fehlte. Nach dem Motto: Wenn du keinen Hund für die Jagd hast, musst du eben die Katze nehmen.

Dass er jetzt eines dieser Real-klassischen Nachspielzeit-Tore erzielte, die in der Klubfibel eigentlich Typen wie Sergio Ramos vorbehalten waren – das schließt gewissermaßen seine Metamorphose ab: Karim schleicht nicht mehr.

Der zweite Leader in der Mannschaft

Inzwischen ist auf ihn vielmehr Verlass wie auf kaum einen anderen Real-Profi. Nach Ramos ist er der zweite Leader der Mannschaft; wo der Kapitän von hinten dirigiert, tut es Benzema von vorn. Dann rudert er manchmal sogar aus dem Lauf heraus mit den Armen, um wie ein Aufbauspieler beim Basketball die möglichen Passwege und Spielzüge anzuzeigen. Seinem schon immer wundervollen Fußball hat er nun eine Effizienz beigemischt, die ihm die wenigsten zugetraut hätten. Als Cristiano Ronaldo vor anderthalb Jahren zu Juventus Turin ging, sollte ihn Gareth Bale ersetzen. Doch der Waliser übernahm nur den Divenpart. Die Tore schießt Benzema.

In dieser Saison traf Real in fünf Spielen gegen etablierte Spitzenteams (Paris Saint-Germain in der Champions League auswärts und zu Hause sowie Atlético Madrid, Sevilla und Valencia in der Liga jeweils auswärts) nur viermal. Alle vier Tore erzielte Benzema. Wenn die Madrilenen, ungeschlagen seit zwei Monaten, nun auf einen Aufwärtstrend blicken und sich nach zwei haushoch verlorenen Meisterschaften vor diesem Clásico wieder auf Augenhöhe mit Barça wähnen, dann liegt das also entscheidend an ihm. Nicht umsonst führt er zusammen mit Lionel Messi die Torjägerliste an (je zwölf).

Benzema spielt auf der Position einer “Neuneinhalb”

Wie beim famosen Argentinier beschränkt sich auch Benzemas Aktionsradius nicht auf den Strafraum. Eine Zehn im Stile Messis ist er zwar nicht. Aber, wie er sich selbst mal definierte: “eine Neuneinhalb”. Quasi ein spielmachender Mittelstürmer in der Tradition von Johan Cruyff oder Pelé. Technisch sowieso perfekt, hat er auch die Übersicht, um Kombinationen zu initiieren und Räume zu erkennen. Früher, als Lieblingspartner von Ronaldo, musste er sie dann oft dem Portugiesen freischaffen. Jetzt darf er sie nach seiner Façon besetzen und erobert sich so seine eigene Nische im Real-Pantheon.

Auch den einstigen Kritikern fällt nun auf, dass seine Trefferquoten auch als CR-Gehilfe schon ganz okay waren. Heute ist Benzema der sechstbeste Torschütze der Klubgeschichte (238) und der viertbeste in den Annalen der Champions League (64).

Auch mit Ronaldo hatte er gute, oft brillante Tage. Aber dennoch ist es nicht unfair zu behaupten, dass dessen Abgang eine Befreiung für Benzema war. Er sagt es ja selbst: “Jetzt kann ich meinen wahren Fußball zeigen. Ich fühle mich legitimierter.”

Benzema ist auch persönlich gereift

Die gewachsene Verantwortung auf dem Platz tut ihm gut; und die daneben wohl auch. Benzema ist inzwischen zweifacher Vater und macht nicht mehr so viel Mist wie früher, als er für eine Party schon mal um die Welt jettete, illegale Autorennen fuhr, mehrere Luxuskarossen schrottete und mal mit 214 Stundenkilometern auf der Stadtautobahn gemessen wurde. Immerhin, den Führerschein hat er längst wieder zurück.

Ein anderer Fehltritt stellte sich hingegen als irreparabel heraus. Wegen seiner Verwicklung in die “Sextape-Affäre” wird der mittlerweile 31-Jährige nie wieder in der französischen Nationalmannschaft spielen, wie Verbandschef Le Gräet unlängst definitiv erklärte (“Das Abenteuer ist beendet”). Nach wie vor droht ihm wegen des Verdachts auf Beihilfe zur Erpressung des Auswahlkollegen Mathieu Valbuena sogar eine Haftstrafe. Frankreichs Kassationshof lehnte vorige Woche einen Antrag Benzemas ab, das Verfahren gegen ihn wegen illegal erhobener Beweismittel einzustellen.

“Die Maskerade geht weiter”, zeterte darüber Benzema, während sich der Fußball-Liebhaber für alle Zeiten nur ausmalen kann, wie imposant die athletisch so starke Weltmeistermannschaft erst mit seiner Spielkunst daherkäme. Als Nachkomme algerischer Einwanderer verlangt er jetzt, für ein anderes Land antreten zu dürfen. Doch auch so ein Wechsel dürfte unmöglich sein; als einziger Ausweg bleibt, sich ganz auf den Verein zu konzentrieren. Seine WM ist die Champions League, und den Clásico gibt es ja auch noch. Karim Benzema betritt die Bühne heute größer denn je.

via spiegel

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