Hunger und Leidenschaft

Er war Spartacus, Vincent van Gogh, Doc Holliday … Ein Mann, der es sich und den anderen nie leicht machen wollte und konnte, ein Kämpfer, der sich aus dem Ghetto hocharbeitete, hart, kompromisslos, unerschrocken. Nun ist Kirk Douglas, der letzte Titan Hollywoods, gestorben, mit 103 Jahren.

Die Schlacht ist vorbei. Bis zum Horizont liegen die Leichen, die Überlebenden sind in Ketten geschlagen, und der Herold des Imperiums erhebt seine Stimme. Gnade erwartet euch, ruft er, wenn ihr dem siegreichen Rom jetzt euren Anführer übergebt, lebendig oder tot.

Und dann ist die Kamera ganz bei Kirk Douglas, der diesen Anführer spielt, Spartacus, Sklave und Gladiator und Freiheitskämpfer. Sein Gesicht ist eine Maske aus Staub, Erschöpfung und Vergeblichkeit. Nur die Augen sind wach, Trotz und Widerstand blitzen darin. Und dann tut er, was ein wahrer Anführer eben tun muss, springt auf und sagt, wer er ist.

Nur sind andere neben ihm aufgesprungen, zur gleichen Zeit, und sie rufen dasselbe, vor ihm, hinter ihm, immer mehr und schließlich alle wie aus einem Mund: “Ich bin Spartacus!” Und man muss gesehen haben, welcher Stolz in diesem Moment über sein Gesicht huscht, das ein Monument mit Kinngrübchen ist, wie gemeißelt im harten südlichen Mittagslicht. Über das dann aber doch eine dicke Träne läuft.

Er hat gekämpft wie besessen, oh ja. Aber er wollte doch immer auch geliebt werden.

Die Träne ist wichtig, im Rückblick auf dieses übererfüllte, rastlose, leidenschaftliche und kompromisslose Leben macht sie das Bild erst komplett. Weil es andernfalls gar zu potent und kraftvoll erschiene, gar zu ungebrochen in selbstgewisser, demonstrativer Männlichkeit. Besonders jetzt, im Moment der Nachricht, dass er nun wirklich und wahrhaftig gestorben ist, am Mittwoch, in Beverly Hills, im biblischen Alter von 103 Jahren.

Ein Kerl zum Pferdestehlen. Aber auch ein manipulativer Bastard

Dass er überhaupt zu den Sterblichen gehört, wollte man zuletzt kaum mehr glauben, schien er doch mit jedem Lebensjahr unbezwingbarer zu werden. Ein Absturz im Helikopter brachte ihn 1991 beinahe um, danach lähmte ihn eine harte Rückenoperation, aber auch das nur eine Zeit lang. Ein heftiger Schlaganfall im Sommer 1995 ließ ihn verstummen – aber schon im nächsten März, bei der Ehrenoscar-Verleihung für sein Lebenswerk, sprach er wieder ein paar Sätze des Danks. Training und schier unerschöpfliche Willenskraft hatten ihm die Sprache zurückgegeben, und es folgten noch einmal fünfundzwanzig erfüllte, tatkräftige Jahre.

Was alles nur den Eindruck verstärkt, dass nun wirklich der Letzte der Großen gegangen ist. Zeuge und Fixstern einer goldenen Ära, als noch Titanen und Tyrannosaurier in den Hollywood Hills rumorten, als Schauspieler nicht nur Superhelden spielten, wie sie es heute tun, sondern wirklich noch welche sein wollten: Immer bereit für die Arme der schönsten Frauen, immer im Kampf mit den Studios, den Produzenten, den McCarthy-Fanatikern und dem allzeit verzagten Zeitgeist.

Er war Lendenschurzträger und Auf-die-Brust-Trommler, Manegenartist und Überzeugungstäter, Verhandlungskünstler und Ein-Mann-Unternehmer, Hochrisikospieler und Boykottbrecher, Seelenentblößer und Virilitätsathlet. “Le brute chéri” nannten ihn die Franzosen, und es stimmt schon recht genau, was der Regisseur George Stevens einmal über ihn gesagt hat: “Er zeigte uns die Schwäche in jedem Helden und Tugend in jedem Schuft.”

Was bleiben wird, ist also ein gewaltiges Werk. Er hat Boxchampions und Jazzmusiker und Wikinger gespielt, er war Doc Holliday und General Patton, Vincent van Gogh und Reporter des Satans, Detektiv und Mörder, Doctor Jekyll und Mister Hyde, Widerstandskämpfer gegen Römer, Engländer und die Nazis, Leichtmatrose bei Käpt’n Nemo und Schwerenöter im Wilden Westen, Geiselbefreier in Entebbe und einmal, zur großen Zeit des Spaghetti-Antikenfilms, sogar Odysseus.

Wenn etwas aus all diesen Filmen unvergesslich bleibt, dann wahrscheinlich die Leidenschaft, die er auf der Leinwand wie kein Zweiter entfesseln konnte – ein ansteckender, nicht zu bremsender, ewig nach vorn gerichteter Tatendrang. Dann leuchten seine Augen wie zwei blank polierte Knöpfe, und sein ganzes Gesicht bekommt etwas unwiderstehlich Kindliches.

Wie er sich freut, auf große Fahrt zu gehen, in Richard Fleischers bonbonbuntem Tauchabenteuer “20 000 Meilen unter dem Meer”! Wie er, als van Gogh in “Lust for Life”, seinen Malerkollegen Gauguin bestürmt, doch endlich gemeinsam die Welt zu erobern! Oder wie er, beinahe ein Selbstporträt, großen Filmideen hinterherjagt, als Hollywoodproduzent in “The Bad and the Beautiful”! Da möchte man mitkommen und mitspielen, Pferde stehlen und Mauern einreißen und Berge versetzen mit ihm – selbst wenn man weiß, dass er in manchen dieser Rollen auch ein manipulativer Bastard ist, oder eben einer, der unter all seinen Träumen keinen Halt mehr hat.

Sagt man von solchen Männern nicht, dass sie hungrig sind? Dazu passt die Geschichte, die er selbst gern erzählt hat, aus dem Sommer des Jahres 1934. Amerika gewinnt gerade den Kampf gegen die Große Depression, und ein bettelarmer, blendend aussehender Achtzehnjähriger gewinnt einen Preis für den besten Essay in der Highschool. “Ein Kunstwerk entsteht nur durch Hunger”, heißt es darin. “Hunger nach Schönheit oder Wahrheit oder Harmonie oder Gerechtigkeit.”

Sagt das nicht schon alles über den jungen Issur Danielowitsch Demsky, von Freunden Izzy genannt, der am 9. Dezember 1916 in Amsterdam, New York, geboren wird, mitten hinein in bitterste, russisch-jüdische Armut? Ein windschiefes Schindelhaus am Ende der Straße, ganz unten bei den Eisenbahngleisen, am schmutzigen Fluss. Die Eltern können weder lesen noch schreiben, der Mutter fehlen alle Zähne, “schon solange wir denken können”, der Vater zieht mit dem Pferdekarren durch die Straßen, als Lumpensammler. Issur ist ein stiller Träumer, umsorgt und erdrückt von sechs Schwestern, drei älteren und drei jüngeren. Er muss hart werden, um überhaupt vor die Tür zu gehen. Den “Jew Boy” verprügeln ist Jungssport da draußen: “Weil du Jesus Christus getötet hast.”

Und doch merkt er bald, dass seine Züge im Grunde nichts preisgeben, wenn er sein Viertel einmal verlässt. Dass er alles darstellen kann in diesem scheinbar so offenen Schmelztiegel, den man Amerika nennt und der doch genauso ein Druckkessel der Vorurteile ist, in dem jeder sofort auf verräterische Zeichen von Herkunft und Gruppenzugehörigkeit überprüft wird. “Du siehst gar nicht jüdisch aus” – wie viele Male muss man das hören, bis man vor Wut explodiert? Und wie viel mal mehr, bis man den Vorteil darin sieht? Jedenfalls beschließt er mit Anfang zwanzig, seinen Namen dem Gesicht anzupassen: ein “knackiges K” für den Beginn, und hinten bleibt immerhin das D: Kirk Douglas wird geboren.

Damit sind viele Hindernisse ausgeräumt, zugleich ist der Identitätsverlust komplett. Denn die Ausgrenzung wird er nie vergessen: In der Heimatstadt Amsterdam rattern Textilfabriken, Seidenspinnereien, Knopfmanufakturen – aber sie stellen allesamt keine Juden ein. Issur wird als Einziger nicht auf den Abschlussball seiner Schule gehen – der Vater seiner Tanzpartnerin verbietet ihr den Umgang mit dem Juden. Sogar ein Ferienjob scheint völlig außer Reichweite zu sein, solange er seinen richtigen Namen nennt. Kaum ändert er ihn, bekommt er eine Anstellung in einem kleinen Hotel am Lake George. Die attraktive Besitzerin mag ihn und vertraut ihm ihren Hass auf die Juden an, riechen könne sie diese auf hundert Meter, und Hitler habe schon recht, wenn er sie alle vernichten wolle.

In seinen ersten Filmen tritt er gleich gegen Robert Mitchum und Burt Lancaster an

Unvergesslich dann die Szene in seiner Autobiografie, in der er beschließt, trotzdem oder gerade deshalb mit dieser Frau zu schlafen, ein wahrer “hate fuck”. Sie sind schon heftig dabei, da stöhnt er ihr ins Ohr, dass da gerade ein beschnittener Schwanz in ihr sei: “Du wirst von einem Juden gefickt.” Sein Timing ist gnadenlos, zumindest in dieser Anekdote, für Reaktionen bleibt keine Zeit: “Ich explodierte in ihr.”

Spätestens hier wird klar, dass seine gewaltige, tänzelnde, leuchtende Energie auch einen tiefdunklen Ursprung hat. Sein Aufstieg wird im Grunde ein Rachefeldzug, seine Gier nach Genugtuung nie ganz zu stillen sein, so erzählt er es selbst – und viele Regisseure und Produzenten werden noch büßen müssen für das, was er in seiner Jugend erlebt hat. “Kirk Douglas wäre der Erste, der sagen würde, dass er ein schwieriger Mann ist”, wird Burt Lancaster einmal erklären, Jahrzehnte später, in einer Eloge auf den lebenslangen Freund. “Und ich wäre der Zweite.”

In “Die seltsame Liebe der Martha Ivers”, seinem Filmdebüt im Jahr 1946, kommt diese Energie noch nicht ganz zum Tragen, da spielt er den schwächlich betrunkenen Ehemann von Barbara Stanwyck. Immerhin gewinnt er die Rolle im Screentest gegen Richard Widmark und Montgomery Clift. Wie golden die Zeiten bald werden sollen, erkennt man schon an der Clique der blutigen Anfänger: Betty Bacall, die später dann Lauren heißt, ist eine Klasse unter ihm an der Schauspielschule in New York, gerade mal sechzehn oder siebzehn und schon zum Sterben schön. Sie rührt ihn mit ihrer Kleinmädchenschwärmerei, lässt sich dann doch nicht verführen, bleibt eine lebenslange Freundin. Der Newcomer, der Douglas den Part in “Truckline Cafe” am Broadway wegschnappt, heißt Marlon Brando. “Out of the Past”, sein zweiter Film, zeigt ihn mit Robert Mitchum, “I Walk Alone”, sein vierter, bringt ihn schon mit Burt Lancaster zusammen. Besonders zwischen diesen beiden passiert was: zwei Heißsporne und Muskelmänner, die sich lieben und streiten, gemeinsam triumphieren und sich die Köpfe einschlagen, in brüderlicher Eintracht und in ewiger Konkurrenz um Hollywoods breiteste Brust. Sieben Filme werden sie gemeinsam drehen, als Leinwand-Buddys genauso wie als Antagonisten, darunter so unvergessliche wie die Wyatt-Earp-Saga “Gunfight at the O. K. Corral” oder “Sieben Tage im Mai”, über einen Staatsstreich im Weißen Haus.

Und beide sind Wegbereiter und Bahnbrecher in den Risiken, die sie eingehen. Douglas zum Beispiel schon früh bei “Champion”, einem Angebot, das zunächst überhaupt nicht verlockend klingt. Mitch, die Hauptfigur, ist ein harter und eigennütziger Boxer – der Aufsteiger als Antiheld, wie sie damals im Kino noch rar sind. Der Film ist eine Independent-Produktion, auch das noch sehr ungewöhnlich. Seine Agenten erklären Douglas zum hoffnungslosen Fall, als er die Rolle annimmt.

Aber dann fährt er an einem Abend im April 1949 durch Los Angeles, frisch geschieden von seiner Studentenliebe Diana Dill und von seinen beiden Söhnen getrennt, ein notorischer Womanizer ohne inneren Halt, gleichermaßen von Wut und Idealismus getrieben, verloren im Strudel Hollywoods. Am Straßenrand steht eine Menschenschlange, sie zieht sich um den Block, die klassische Szene. Er biegt um die Ecke, da sieht er die Leuchttafel: Kirk Douglas, “Champion”. Er hat es geschafft, das weiß er in diesem Moment, da braucht er die erste Oscarnominierung gar nicht abzuwarten.

Und wie wenige seiner Generation versteht er es, diesen Startbonus durch kluge Entscheidungen systematisch auszubauen. Er sagt nicht Nein, als Billy Wilder ihm 1951 die Rolle eines ruchlos erfolgshungrigen Reporters anbietet, der ein Unglück in einer Höhle für seine Zwecke ausnützt und dabei über Leichen geht – so entsteht “Reporter des Satans”, der Filmklassiker zum Thema Lügenpresse. Er vertraut sich dem schwulen Genius Vincente Minnelli an, der ihn weiter und weiter pusht, in “The Bad and the Beautiful” und vor allem in “Vincent van Gogh” – eine dieser Schicksalsrollen, die irgendwie in den Sternen stehen und dann wirklich eine Wucht entfalten, die man nicht mehr vergisst.

“Er ist zurück”, murmelt eine Alte in Auvers-sur-Oise, als sie Douglas in seinem Van-Gogh-Kostüm sieht

In diesem Fall ist die Verbindung zur Rolle so klar, dass sie – an den echten Schauplätzen von Holland bis Südfrankreich – zu beinah gespenstischen Szenen führt. In Auvers-sur-Oise, wo das Ohr schon ab war und Vincent van Gogh schließlich Suizid beging, bekreuzigt sich eine alte Frau beim Anblick von Douglas in vollem Kostüm: “Er ist zurück”, soll sie gemurmelt haben. Und Douglas, normalerweise kein Method Actor, der unter die Haut seiner Figuren kriecht, fühlt sich am Ende wie besessen von dem traurigen Malergenie.

Etwa zur selben Zeit gründet er seine eigene Produktionsfirma und positioniert sich damit als einer der ersten Hollywoodstars außerhalb des beherrschenden Studiosystems. Sein erster Coup als Produzent beweist gleich eindrucksvoll sein Gespür für den Job. Er trifft einen jungen Regisseur, erklärt ihn für hochbegabt und verpflichtet ihn für sechs Filme: Stanley Kubrick. Der bringt den Antikriegsfilm “Wege zum Ruhm” mit, den Douglas dann nicht nur finanziert, sondern in dem er gleich die Hauptrolle übernimmt – trotz des Gefühls, damit sei kein Cent zu verdienen. Heraus kommt ein Meisterwerk, bis heute eine der besten Anklagen gegen Kriegswut und mörderische Generäle.

“Spartacus” dagegen, sein nächster großer Produzentenstreich, ist ganz Douglas’ Idee. Fürs Drehbuch heuert er den mit Berufsverbot belegten Dalton Trumbo an, einen der berühmt-berüchtigten “Hollywood Ten” auf der schwarzen Liste des Kommunistenjägers McCarthy. Trumbo schreibt mit viel biografischem Herzblut vom Aufstand der Sklaven gegen die oppressiven Römer, aber nach der ersten Drehwoche feuert Douglas den Regisseur Anthony Mann. Kubrick springt ein, zähmt die Statistenheere, der Film wird ein Riesenerfolg mit vier Oscars – und Douglas wagt es sogar, Dalton Trumbo offiziell als Autor zu nennen. Damit gehört er zu den Ersten, die McCarthys eisernen Bann über Hollywood brechen, auch darin ein vorwärts stürmender Erneuerer.

Nur Kubrick, schon ganz in den Fängen des Kontrollwahns, der sein Leben prägen wird, mag “Spartacus” nie ganz als eigenes Werk anerkennen. So endet der Sechs-Filme-Vertrag vorzeitig und in lebenslanger Feindschaft. Gerade unter Selfmade-Visionären gilt dann wohl doch das alte Gesetz, dass es eben nur einen geben kann, der das Sagen hat.

All diese Kämpfe hat Douglas, zumindest in seiner Version, später sehr offen geschildert, in der 1988 erschienenen Autobiografie “The Ragman’s Son”. Die auch noch in anderer Hinsicht Klartext enthält, zum Beispiel über seine kaum zählbaren Affären. Das geht vom Groupie bis zur Göttin: In Rita Hayworth zum Beispiel sieht er Gefahr, “eine tiefe, unheilbare Einsamkeit und Traurigkeit”, und muss fliehen; Sex mit Marlene Dietrich ist eher mütterlich, “je schlechter es dir ging, desto mehr schien sie dich zu lieben”; Gene Tierney verehrt er für ihren “bezaubernden Überbiss” und ihren Wunsch, dass er zu jedem Stelldichein durchs Fenster klettern soll, während Joan Crawford, mit Sauberkeitsfimmel und Rabenmutter-Allüren, ein Abtörner war. Warum diese Offenheit? “Es wegzulassen hätte sich unvollständig und falsch angefühlt”, sagt Douglas. “Wie ein Schwarz-weiß-Film, der in Farbe sein sollte.”

Zumindest seiner zweiten Ehe hat dieser Mut zum Bekenntnis nichts anhaben können. Die Belgierin Anne Buydens ist Protokollchefin des Festivals von Cannes, als sie ihn kennenlernt – kennt also die Fallstricke des Ruhms, als sie im Jahr 1954 in Las Vegas die zweite Mrs. Douglas wird. Und so hält diese Verbindung dann mehr als sechzig Jahre, durch Krankheiten und Widrigkeiten, stabil bis zum Schluss.

In “Einer flog über das Kuckucksnest” wollte er noch einmal die Hauptrolle spielen

Der früh verlassene älteste Sohn aus erster Ehe aber, Michael sein Name, wird dann selbst sehr berühmt: ein Star aus ganz eigenem Recht und, mit “Wall Street” und “Basic Instinct”, ebenfalls eine Art Schrittmacher Hollywoods, allerdings für eine neue Zeit. Nicht nur die Leinwandpräsenz, auch den Instinkt des Produzenten scheint er geerbt zu haben, was man am Schicksal des gemeinsamen Projekts “Einer flog über das Kuckucksnest” studieren kann. Das Buch von Ken Kesey entdeckt noch der alte Douglas und kauft die Rechte, die aufkeimende Hippie-Revolte darin spricht offenbar seinen inneren Revoluzzer an. Mehr als eine Broadway-Produktion mit sich selbst in der Hauptrolle bringt er allerdings nie zustande. Also erlaubt er Michael zehn Jahre später, sich als Produzent zu versuchen. Der stellt tatsächlich den Film mit Miloš Forman auf die Beine, und der große Kirk will darin natürlich die Hauptrolle spielen. Keine Chance, Dad, kommt jetzt die Antwort – wir brauchen einen Jüngeren. Jack Nicholson kriegt die Rolle und macht sie unsterblich, und der alte Kirk weiß lange Zeit nicht, was ihn mehr umtreiben soll – die tiefe persönliche Kränkung oder der Vaterstolz, einen Sprössling ganz nach seinem Bild geformt zu haben, visionär und knallhart zugleich.

Überhaupt Väter und Söhne. Auch das ist in diesem reichen Leben ein wiederkehrendes Leitmotiv. Denn vor Michael und Kirk kommt Herschel, Kirks Vater, der wie gesagt Lumpensammler war, aber eben auch der Kraftprotz im Viertel, der rare “Bear Jew”, der trank wie ein Fass, im Armdrücken nicht zu schlagen war und sieben betrunkene Antisemiten in der Bar auf einmal an die Wand klatschen konnte. Neben ihm fühlt sich Kirk immer zu schwach, zu zaghaft, ja beinah nicht existent.

Einmal schüttet er dem verschlossenen Riesen heißen Tee ins Gesicht, nur um nicht weiter ignoriert zu werden, wird mit Löwengebrüll durchs Zimmer geschleudert und fühlt sich doch großartig danach, wie ein Überlebender. Und einmal, bei seinem ersten Schultheaterstück in der zweiten Klasse, entdeckt er überraschend den Alten im Publikum, der hinterher sogar seine Hand nimmt und ihm ein Eis kauft, auch wenn er nicht viel sagt. “Kein Filmpreis, den ich je bekam, hat mir mehr bedeutet”, erinnert sich Kirk. Da läuft sie wieder, die Träne.

Es bleibt ein ewiger Hunger nach mehr, mehr von dieser Anerkennung. Was dann auch umschlägt in Wut und Entfremdung. Zum Begräbnis des Hünen ist er nicht erschienen, und immer fühlt er ein Defizit, das für Kinohelden der alten Schule vielleicht typisch ist. Mit John Wayne oder Burt Lancaster oder wem auch immer am Set eines falschen Western-Saloons aus Sperrholz sticht der Schmerz am stärksten. Wir sind wie Kinder, denkt er, die hier Männer spielen dürfen.

Die wahren Männer, heißt das, trinken anderswo – und in ihrer Mitte sitzt für immer Herschel, der Vater, dessen Lachen den ganzen Raum erzittern lässt. Man darf sich zum Schluss also vorstellen, wie Kirk Douglas nun zu dieser Runde im Jenseits stößt. Ein Stuhl wird für ihn herangerückt, ein Bier bestellt, und die schwere Pranke des Alten kracht anerkennend auf seine Schulter herunter: Gut gemacht, Issur.

via sz

Leave a Reply

%d bloggers like this: