Gegen die Legendenbildung

Die Zeitzeugen und Überlebenden des Holocaust verstummen allmählich. Ihr Erbe aber muss Verpflichtung bleiben – nicht nur bei institutionalisierten Gedenkfeiern.

Yad Vashem, Auschwitz, Berlin: Das Erinnern aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ist omnipräsent. Begleitend zu den Auftritten der Politiker gibt es eine Fülle von Dokumentationen. Bei vielen löst diese Flut an “Nie wieder”-Beschwörungen “Ach, schon wieder”-Reaktionen aus. Hatte nicht Martin Walser 1998 von der “Moralkeule Auschwitz” gesprochen und der bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß 30 Jahre zuvor davon, dass “ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat”, ein Recht darauf habe, “von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen”?

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat am Donnerstag in Yad Vashem die Begründung dafür geliefert, warum man sich jetzt erst recht mit den Geschehnissen von damals auseinandersetzen muss: Gerne würde er feststellen, dass alle Deutschen aus der Geschichte gelernt hätten. “Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. Das kann ich nicht sagen, wenn jüdische Kinder auf dem Schulhof bespuckt werden.”

Steinmeier hat den richtigen Ton getroffen und den Bogen von der Vergangenheit zu den Herausforderungen der Gegenwart und denen der Zukunft gespannt. Seine Rede, die erste eines deutschen Staatsoberhaupts in der Gedenkstätte Yad Vashem, wird zu Recht in Israel in die Reihe denkwürdiger Auftritte gestellt, zu denen der Kniefall Willy Brandts für die Toten des Warschauer Ghettos und Richard von Weizsäckers klare Worte zum “menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft” gehören.

Auschwitz steht für das nicht vorstellbare Grauen des industriellen Massenmordes an sechs Millionen Juden. Das wird das Verhältnis von Deutschland zu Israel immer prägen. Aus “tief beladener Schuld”, wie Steinmeier sagte, erwächst Verantwortung. Aus “Nie wieder Auschwitz” ist “Nie wieder Krieg” geworden, das zur Raison d’Être aller europäischen Staaten und Institutionen gehören muss.

Um die institutionalisierte Erinnerung braucht man sich keine Sorgen zu machen – jedenfalls solange nicht Politiker wie Alexander Gauland von der AfD in einer Bundesregierung vertreten sind, für den “Hitler und die Nazis nur ein Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte” sind. Gedanken muss man sich aber um das individuelle Erinnern machen: Wie erreicht man Menschen, die unter dem Deckmantel “man wird doch noch sagen dürfen” antisemitische und rassistische Äußerungen von sich geben?

via sueddeutsche

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