Wie «Marriage Story» das Sympathie-o-meter in Waage hält

Eine Spoiler-Analyse: Noah Baumbachs Netflix-Scheidungsdrama «Marriage Story» behält zahlreiche ständig in Bewegung befindliche Teile im Blick, um die Trennung seiner Hauptfiguren ausgewogen zu gestalten.

Seit der Video-on-Demand-Dienst Netflix Anfang Dezember Noah Baumbachs Scheidungsdrama «Marriage Story» veröffentlicht hat, wird unter Filmfans eifrig über die 18-Millionen-Dollar-Produktion diskutiert. Denn auf jede Lobeshymne kommt gefühlt auch eine grantige Kritik, die findet, dass «Marriage Story» zu sehr auf der Seite seiner männlichen Hauptfigur Charlie sei. Aber auf jede dieser Kritiken kommt auch eine pampige Gegenstimme, dass sich «Marriage Story» viel zu sehr auf die Seite der weiblichen Hauptfigur Nicole schlagen würde. Und allein schon, dass Leute genauso sehr darüber zetern, «Marriage Story» sei Pro-Charlie, als auch darüber, der Film sei Pro-Nicole, suggeriert sehr deutlich, dass sich Noah Baumbach in seinem autobiografisch angehauchtem Drama offenbar einige Gedanken gemacht hat, wie er beide Parteien in dieser filmischen Scheidung gerecht behandeln könnte …

Allein schon die Struktur von «Marriage Story» versucht, das Publikum in Richtung einer ausgewogenen Sicht auf Charlie und Nicole zu lenken – dass dies nicht bei jedem gelingt, liegt bei einem persönlichen Stoff über Liebe, Trennung und Schuldzuweisung in der Natur der Sache. Dennoch ist es faszinierend, wie sehr Baumbachs Skript eine Balance in Sachen Sympathie und Antipathie wenigstens ermöglicht. So tendiert man in figurenzentrischen Erzählungen dazu, früh Sympathien zu verteilen. Das hat auch Greta Gerwig durchschaut, die ihre «Little Women»-Adaption daher bewusst anders strukturiert hat als ihre Romanvorlage.

Das «Marriage Story» damit beginnt, dass Charlie alles aufzählt, was er an seiner Noch-Frau Nicole liebt, ist daher essentiell: Wir beginnen den Film damit, die besten, liebenswürdigsten Seiten Nicoles und ihre schönen Macken kennenzulernen. Sie bekommt den frühen Sympathiebonus, nicht Charlie, der erst danach seine Montage an liebenswürdigen Charakterzügen und Angewohnheiten erhält. Das ist eine wichtige strukturelle Entscheidung, da der Mittelteil des Films tendenziell eher aus Charlies Perspektive aufgezogen wird (das Publikum wird, genauso wie er, von einigen Entscheidungen Nicoles überrascht). Würde «Marriage Story» mit einem “Das alles an Charlie ist toll”-Monolog beginnen, wäre dies völlig unausgewogen.

Doch «Marriage Story» beginnt mit einem Sympathie-Vorsprung für Nicole, der sich auch wenige Minuten später vergrößert, wenn Baumbach die Stunden nach einer letzten gemeinsamen Vorführung des Regisseur/Darstellerin-Paares zeigt: Früh wird die Saat des Verdachts gesät, Charlie hätte was mit seiner Inspizientin am laufen, da sie sehr vertraut miteinander tuscheln. Charlie wird nahezu unmittelbar danach als abgehoben skizziert, da er sich abfällig gegenüber Fernsehserien äußert. Und darüber hinaus ist er nach einem langen, aber bisher friedlichen Tag unruhig, bis er Nicole für ihr Schauspiel wenige Stunden zuvor kritisiert, obwohl es nun wirklich keine Rolle mehr spielt, weil sie sich ja eh aus Charlies Schauspieltruppe verabschiedet hat.

Diesen Sympathievorsprung benötigt Nicole, weil mit ihrem Umzug von New York nach Los Angeles die Geschichte vorerst in Richtung von Charlies Fokus übergeht. Er wird von Nicoles Entschluss überrumpelt, dass die vermeintlich klein gehaltene Scheidung doch vor Gericht geht und Nicole sich eine extrem ausgebuffte Spitzenanwältin geholt hat. Charlie und das Publikum werden damit überrascht, dass Nicole neue Halloween-Pläne für den gemeinsamen Sohn Henry geschmiedet hat und dass sie nahezu jeden Top-Scheidungsanwalt der Stadt konsultierte und Charlie somit bei der Wahl eines eigenen Anwalts in die Ecke gedrängt hat.

Somit wird «Marriage Story» zwischenzeitlich zur “Charlie wird in einen Scheidungskrieg gezerrt und verliert jegliche Chance, die Bindung zu seinem Sohn aufrecht zu halten”-Geschichte, was den etwas unsympathischer aus dem Startblock gelangten Protagonistin mit Nicole gleichziehen lässt. Ist das erst einmal geschehen, wird «Marriage Story» zu einem elegant erzählten Schlagabtausch der sympathischen und unsympathischen Entscheidungen, was obendrein dadurch an Komplexität gewinnt, dass immer wieder sympathische Wendungen zugleich unvernünftig sind oder umgekehrt.

So vertraut sich Charlie zwischenzeitlich einem sehr menschlichen, freundlichen Anwalt an, der aber auch eine Nulpe ist. Nicoles abgezockte Kämpferin von einer Scheidungsanwältin (beeindruckend verkörpert von Laura Dern) ist hingegen, selbst wenn sie wiederholt über die Stränge schlägt, auch sehr vernünftig, da sie Dinge erkennt, die Charlie völlig übersieht und selbst Nicole nur erahnt. Etwa, wie sehr sich Nicole in früheren Ehejahren hat unterbuttern lassen, oder dass Charlie zwar ein sehr lieber, aber auch ein sehr planloser Vater ist. Und Laura Dern legt ihre Rolle noch immer wärmer an als Ray Liotta in der Rolle von Charlies bissigem Anwalt rüber kommt.

via quotenmeter

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